Der Schloss­turm des Stadt­­schlosses

Vom mittelalterlichen Turm bis zur modernen Neuinterpretation

Die Geschichte des Fuldaer Schlossturms

Über sieben Jahrhunderte architektonischer Entwicklung

Der Fuldaer Schlossturm gehört zu den prägenden Bauwerken der Stadt Fulda und hat ihr Erscheinungsbild über Jahrhunderte hinweg maßgeblich mitbestimmt. Seine Gestalt wandelte sich dabei mehrfach – von der mittelalterlichen Abtsburg über das Renaissanceschloss bis hin zur barocken Residenzanlage.

Die heutige Form des Turms ist das Ergebnis einer langen baugeschichtlichen Entwicklung. Historische Quellen, überlieferte Darstellungen und architektonische Erkenntnisse geben Aufschluss darüber, wie sich dieser im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und welche Überlegungen der Gestaltung im Zuge der jüngsten Sanierung zugrunde lagen.

Die Anfänge des Fuldaer Schlosses

Ende des 13. Jahrhunderts errichtete der zu fürstlichen Ehren gekommene Abt Heinrich von Weilnau eine erste „Abtsburg“ außerhalb des Klosters Fulda. Hierdurch sollte im Stadtbild manifestiert werden, dass es nun einen Reichsfürsten gab, der nicht länger nur Klostervorsteher war, sondern von seiner neuen Residenz aus sein weltliches Territorium zu regieren gedachte. Aus dieser Zeit stammt noch der rechteckige und in der Schlossfassade wahrnehmbare Turmstumpf. Der Turm der Abtsburg hatte ein weithin sichtbares Satteldach, dessen Giebel abgetreppt war.

Umbau zum Renaissanceschloss

Zu Wohlstand und weiteren Ehren gekommen, ließ Fürstabt Johann Friedrich von Schwalbach ab 1607 die Burg zu einem Renaissanceschloss umbauen. Der mittelalterliche Turm erhielt bis 1612 die bis heute erhaltene achteckige Umformung, die damals zeitgültig war. Natürlich verfügte der Turm über ein opulentes Dach in Form einer hölzernen Renaissance-Turmhaube (vermutlich verschiefert) und war ebenfalls weit im Fuldaer Land sichtbar.

Kupferstich des Fuldaer Stadtschlosses von Johann H. Salver um 1729

Barockisierung des Stadtschlosses

Die Arbeiten am Renaissanceschloss zogen sich insgesamt bis 1685 hin, so dass Fürstabt Adalbert von Schleiffras 1700 beschloss, die Anlage gleich zu einem barocken Ensemble im Rahmen einer Barockisierung der Stadt umzugestalten. Hierfür wurde als Architekt Johann Dientzenhofer gewonnen, die Grundsteinlegung war im März 1708, die Arbeiten dauerten bis ca. 1720. Bis weit ins 18. Jahrhundert behielt der Schlossturm des barockisierten Schlosses noch sein Renaissancedach. Während dieser Zeit entstanden zudem weitere bauliche Zeugnisse im Fuldaer Land, deren Türme gänzlich bedacht waren (bspw. Fasanerie).

Der Schlossturm am Ende der Barockzeit

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Turmdach der Renaissance stark baufällig. Dies kam zu einer Zeit, während der die Bautätigkeit der (inzwischen) Fürstbischöfe stark nachließ, da anzunehmen ist, dass die Finanzkraft des Fürstbistums schlicht nicht mehr ausreichte. Dies könnte auch erklären, warum die Herrscher dieser Zeit auf eine Neuerrichtung des originalen Daches verzichteten. Insofern war eine einfache Balustrade als neues oberes Ende des Schlossturms für die Fürstbischöfe eine äußerst günstige temporäre Variante. Gleichwohl entspricht es weder der Proportionslehre der Renaissance noch der des Barock.

Grundlagen der heutigen Turmgestaltung

Die anzunehmende Proportion geht von einer in der Renaissance fast dogmatisch verwendeten Proportionsgebung aus: dem sog. „goldenen Schnitt“. Bei einer Breite des Turmes von ca. 8,50 m ergibt sich eine errechnete Höhe der Haube von ca. 13,75 m.

Die bekannten grafischen Darstellungen sowie ein Ölgemälde des Bistums von 1651 zeigen eine geschwungene Haube mit Dachüberstand und Laterne. Aus der Proportionslehre der Renaissance und den vorliegenden Darstellungen ließ sich abstrahierend die Außenkontur einer Renaissancehaube ableiten. So entstanden Skizzen zu einer Andeutung einer Haube als offene oder auch geschlossene Form während des Entwurfsprozesses, die ausführlich mit allen Verantwortlichen diskutiert wurden. Nach Erörterung der Entwürfe in den Gremien wurde das ausführende Fachamt damit beauftragt, die Variante mit Flachstahl und wenig Detaillierung weiter zu verfolgen.

Ausgehend von den vorgenannten Grundlagen wurde ein künstlerisches Objekt, das die Außenkonturen einer Renaissancehaube andeutet, auf der Aussichtsplattform unter Erhalt der historischen Balustrade errichtet.

Dieses Objekt ist reduziert auf die für die Darstellung der Außenkonturen notwendigen Bauteile. Diese Bauteile werden als stählerne Träger errichtet und abstrahieren die Form durch ein künstlerisches Spiel der Trägerdimensionen. Es entsteht eine Trägerkonstruktion aus Flachstählen, die durch unterschiedliche Formgebung ein Spiel aus ihren Formen darstellen und nur in ihrer Außenkontur gleich wirken.

Zeitlicher Überblick